Rennstrecke: Misano World Circuit
Steckenlänge: 4048 m
Rekord: 2:01.710 - Markus Bösiger/Freightliner (2007)
War Jochen Hahn am ersten Tag von Misano Adriatico so etwas wie ein Dominator, entschwand er am zweiten Tag in unerreichbare Sphären. Der MAN-Pilot setzte erneut sämtliche Glanzlicher, gewann das Championshiprennen 3 in souveräner Manier - und verewigte sich dann im Geschichtsbuch der Truckracer als erster Fahrer, der seit der Neufassung des Regelwerks ein Wochenende mit einem "full house" abschließen konnte.
Vier Rennen, vier Siege: Das gab es schon in früheren Jahren selten genug. Seit mit dem Beginn der vorvergangenen Saison die Startreihenfolge der ersten acht Fahrer in den Rennen zwei und vier jeweils getauscht wird, hatte noch keiner der Akteure die nötige Fortune, um diesen Kraftakt zu vollbringen. Lediglich Antonio Albacete, der spätere Champion, schrammte im vergangenen Jahr knapp an der 60-Punkte-Marke vorbei - auf dem Motodrom in Albacete (La Mancha/Spanien) erreichte der Madrilene 59 Zähler.
An Hahns frühe Jahre fühlte man sich am Samstag erinnert - als Uwe Nittel sich selbst und seinen Rivalen David Vrsecky ins "Jenseits" (der Piste) beförderte. Der schwäbische Jochen war in jungen Jahren nicht zuletzt für zahlreiche Karambolagen berühmt. Die Zeiten sind längst passé, doch in Misano gelang ihm jetzt mindestens ein Meisterstück. Abgeklärt wie ein Champion zockte der Deutsche die Gegner ab, im Vertrauen auf seine Fähigkeiten und die Überlegenheit des Trucks schnappte die Falle immer im richtigen Moment zu. Kompliment auch an Markus Oestreich, der am ersten Tag überaus fair und professionell auf der "falschen" Linie weiterfuhr, als er von Hahn ausgekontert wurde. Am Sonntag passierte das wiederum sieben Konkurrenten - nach einem souveränen Start-Ziel-Sieg im ersten Lauf musste Hahn einmal mehr vom achten Platz starten, aber nach zwölf Runden stand der MAN-Fahrer zum vierten Mal ganz oben auf dem Siegertreppchen. Chapeau, würde man in Frankreich angesichts dieser Leistung rufen, die Hahn noch mit ein paar Ausrufezeichen versehen hat: In allen vier Rennen wurde er jeweils mit der schnellsten Rundenzeit gestoppt.
Der Verlierer des Wochenendes war das MKR-Team, das viele Beobachter vor Saisonbeginn stärker eingestuft hatten. Im vierten Lauf war sogar keiner aus der MKR-Troika Bösiger-Oestreich-Lacko auf dem Podium vertreten - man darf gespannt sein, ob Mario Kress darauf eine passende Antwort finden wird. Zumindest bis zum nächsten Rennen in zwei Wochen in Albacete hat Jochen Hahn die Spitze des EM-Klassements übernommen, gefolgt von Albacete und Oestreich.
Jochen Hahn erwischte in Misano einen Glückstag, an dem ihm einfach alles gelang. Bereits in den freien Trainingseinheiten setzte sich der Deutsche an die Spitze des Feldes - und dort sollte er für den Rest des Tages bleiben. Zunächst gelang Hahn, der auch im vergangenen Jahr in Misano einen guten Lauf hatte, die schnellste Trainingsrunde im Zeittraining Superpole. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil angesichts der ausgefahrenen Ellbogen, die beim Start zum Championshiprennen für reichlich Kehricht auf der Piste sorgten. Hahn entkam dem Getümmel beizeiten und fuhr einen makellosen Start-Ziel-Sieg ein.
Im zweiten Lauf war nicht damit zu rechnen, dass sich der Deutsche erneut durchsetzen könnte. Denn aufgrund des gedrehten Starts lag vor ihm ein schier uneinnehmbares Bollwerk starker Kontkurrenten. Der Wall bestand unter anderem aus Markus Oestreich, Antonio Albacete, Uwe Nittel und Markus Bösiger. Doch Hahn hatte die nötige Fortune - und nach fünf Runden am Heck von Markus Oestreich die nötige Abgebrühtheit, um den Landsmann eingangs der Start- und Zielgeraden eiskalt auszubremsen. Eine Meisterleistung, "Oese" ist schließlich nicht Irgendwer, sondern einer der routiniertesten und besten Fahrer im Feld. Und zudem der Führende im Gesamtklassement. Das wird sich nach Misano vermutlich stark verändern, da Uwe Nittel nach seinem grandiosen Saisoneinstieg diesmal patzte - er geriet im zweiten Wertungslauf ausgerechnet mit seinem Ex-Teamkollegen David Vrsecky aneinander. Der Tscheche sah hinterher die Schuld bei Nittel, der habe sich verbremst. Der wiederum berief sich auf seine Onboard-Kamera die belege, dass Vrsecky zunächst ein großes Tor offen stehen ließ, dieses aber dann ziemlich heftig zumachte, was die Ursache für den Crash gewesen sei. Einig waren sich die Kontrahenten dann jedenfalls über die Tatsache, dass sowohl Nittels MAN als auch Vrseckys Freightliner hinterher nicht mehr zu gebrauchen waren - Nachtschicht für die Mechaniker. Nach dem intensiven Studium diverser TV-Bilder kamen die Stewards dann allerdings zu dem Schluss, dass Nittel in der einschätzung der "Lücke" deutlich zu optimistisch war und bestraften den Havaristen, er wird im ersten Sonntagsrennen um fünf Plätze nach hinten versetzt.
Der Doppelsieg des MAN-Fahrers Hahn freute natürlich die Fans der Marke. War Donington "Renault-Land", trumpfte MAN in Misano groß auf und nutzte das Truckrennen zur Imagepflege. Die Gäste - einige tausend Fans waren eingeladen - wurden im neuen, großzügig dimensionierten Hospitality-Zelt bewirtet, das sozusagen aus dem Konzern kommt und schon bei Audi auf der DTM eingesetzt wurde.
Das Rennen vor dem Rennen: Während auf der Rennstrecke Santa Monica die Teams allmählich eintrafen und ihre Zelte aufschlugen, passierte ein anderer Renntross die italienischen Adriaküste. Beim Giro d' Italia wurde zwar auch ein höllisches Tempo vorgelegt, doch die Radler müssen im Unterschied zu den Motosportlern selber für den Vortrieb sorgen. Die Renntrucks werden bekanntlich mit Dieseltreibstoff betankt - was die Radler im Peloton tanken, weiss man dagegen nicht immer en detail. Vorneweg fuhr auf dieser Etappe der Spanier Alberto Contador im rosa Trikot des Spitzenreiters, auch er einer von denen, die nicht im Verdacht stehen, nur Apfelschorle und Müsliriegel aus ökologischer Produktion zu sich zu nehmen.