Zum 44. Mal machten sich in diesem Jahr die Härtesten der Offroader auf den Weg nach Mexiko. Dort, auf der Halbinsel Baja Califormia, gibt es noch genügend Spielwiesen, auf denen richtige Männer (die Frauenquote liegt irgendwo um ein Prozent) ihrem Speedsport frönen können. In der Tat ist die Baja ein ziemlich einzigartiges Spektakel. Denn wenn es bei der Dakar darauf ankommt, zwei Wochen lang eine gute Leistung zu bringen, gehen die Teilnehmer bei der Baja sofort in die Vollen. Die Rallye hat etwas vom Flair eines Boxkampfs. Hier geht es nicht Mann gegen Mann sondern Mann gegen Uhr, Streckenprofil und die Konkurrenten - und gewonnen hat, wer am schnellsten im Ziel ist. Ruhepausen sind nicht vorgesehen, Servicearbeiten werden auf den Nötigste beschränkt - auch dafür gibt es keine Zeitgutschriften. So einfach ist das.
1000 Meilen sind das eigentliche Soll, aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage in Nordamerika wurden es in diesem Jahr "nur" 692,82 Meilen oder gut 1100 Kilometer mit Start und Ziel in Ensenada (wobei die 45. Auflage im nächsten Jahr wieder über die volle Distanz nach La Paz in den Süden der Halbinsel führen wird). Doch nach den Pre-Runs, bei denen die Teilnehmer die Strecke abschnittsweise befahren dürfen, waren sich die Off-Road-Racer schnell einig: Die Strecke mag kürzer sein wie üblich, aber die Schwierigkeiten sind extrem. Armin Schwarz, der einzige deutsche Teilnehmer in der Top-Klasse Trophy Trucks, sollte zwar unter dem Strich mit seiner Einschätzung richtig liegen. Der Rallyeprofi war vor dem Start überzeugt, dass das Durchschnittstempo der vergangenen Jahre nicht erreicht werden würde: "Ich glaube kaum, dass das die Fahrwerke mitmachen, wenn man diese Hammerstrecke mit vollem Speed befährt." Aber mit einem Schnitt, der rund fünf Meilen pro Stunde unter dem des Vorjahres lag, war Andy McMillin, der Sieger in der Tropy Truck Kategorie, nicht so viel langsamer, wie Schwarz erwartet hatte. Dem Deutschen und seinem Teammate Martin Christensen sollte allerdings nicht das Fahrwerk Probleme bereiten, sondern das Getriebe, das unterwegs getauscht werden musste: auf einer Dakar lässt sich so etwas möglicherweise aufholen, auf der Baja 1000 bedeutet es das Abrutschen auf die letzten Seiten der Ergebnislisten. Die Vorjahressieger, die mexikanische Vater-Sohn-Paarung Gutavo/Tavo Vildasola (die im "richtigen Leben" das große Transportunternehmen Mexicanalogistics betreiben) kamen nach einem Unfall erst gar nicht ins Ziel: Vierzig Prozent Verlust sind normal bei der Baja.
Dass die Baja 1000 keine Spazierfahrt ist, zeigte sich dann im Ziel. Während die strahlenden Sieger - gewonnen hat die Baja der schnellste Starter, und das war 2011 der Motorradfahrer Kendall Normann - nach rund 15 Stunden Fahrzeit gegen 3 Uhr morgens im Ziel waren, kamen die Geschlagenen zum Teil erst Stunden später auf dem Boulevard Costero im Hafenviertel von Ensenada an. Motorradfahrer, die vermutlich froh waren, dass sie sich "nur" den Arm gebrochen hatten. Ramponierte Autos mit deutlich sichtbaren Kampfspuren. Der alte Haudegen Robbie Gordon mit seinem verdreckten feuerroten Spielmobil, das arg gelitten hatte: Bei Tempo 160 hatte sich Gordon mehrmals überschlagen und dabei etliche Bestandteile buchstäblich auf der Strecke gelassen. Rallye-Beifahrer muss ein Höllenjob sein - oder einer für Masochisten.
Je mehr Spektakel, desto fröhlicher sind natürlich die Zuschauer. Da unterscheidet sich das mexikanische Publikum nicht von dem in anderen Ländern. Die vielen Tausend Besucher an der Strecke und im Stadtzentrum von Ensenada sorgen dafür, dass die Baja ein volksfestartiges Begleitprogramm bekommt. Sie johlen und feuern die Fahrer zu möglichst weiten Sprüngen an, und nachdem viele Streckenabschnitte nicht gesperrt sind, müssen die Rennfahrer immer mit einem entgegen kommenden Pickup rechnen, an dessen Steuer ein verwegener Mexikaner mit Sombrero sitzt. Manchmal weisen die anderen Zuschauer diese Desperados auf anrückenden Gegenverkehr im Renntempo hin, und wer dann nicht spurt, auf die Seite fährt und den Racern Platz macht, wird bei Bedarf mit Bierbüchsen oder Colaflaschen beworfen. Zudem sind seit der Erfindung von fotografierenden Mobiltelefonen noch viel mehr Verrückte unterwegs, die für einen verwackelten Schnappschuss buchstäblich ihr Leben riskieren - man kann sich nur wundern, dass die Kollateralschäden überschaubar bleiben. Aber in einem Land, das wie Mexiko in einer Art Bürgerkrieg lebt mit tausenden von Toten, ist ein verletzter Radfahrer (der wie ein Wunder die Kollision mit einem Trophy Truck überlebte) ein vernachlässigbarer Faktor angesichts des großen Spektakels für das Männer sorgen, die mit deutschem Autobahntempo (also näher bei 200 als bei 150 km/h) über verschlammte Pisten brettern.